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Wurzel-Psychologe

500 Kräuter und Mischungen verkauft Dirk Bäumler. Bevor er den Laden übernommen hat, arbeitete er in einem Architekturbüro.

Dirk Bäumler ist kein Arzt, aber Ärzte schicken ihre Patienten zu ihm, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Er versucht die Leiden seiner Kunden zu lindern - indem er ihnen Kräutermischungen, Öle oder Tees verkauft. Heilung darf er nicht versprechen. Sonst droht mal wieder eine Abmahnung


Von Philipp Crone

Philipp Crone

Philipp Crone, Jahrgang 1977, hat in München Biologie studiert und zehn Jahre für die Deutsche Hockeynationalmannschaft gespielt. Er ist mit 341 Länderspielen Rekordnationalspieler, war zweimal Weltmeister und hat 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen Bronze gewonnen. Nach dem Studium besuchte der Diplombiologe die Deutsche Journalistenschule, arbeitete anschließend in der Sportdredaktion des Bayerischen Fernsehens, für das ZDF und die SZ. Für die Zeitung ist er nun im Lokalteil für die Münchner Gesellschaftsthemen und die Rubrik SZenario zuständig, außerdem ist er der Hockey-Experte des ZDF.

Zwischen Sorgen und Selbstsicherheit liegen bei Dirk Bäumler manchmal nur ein paar Sekunden. Der Mann, dunkelgrauer Haarkranz, grauer Kurzbart, blickt lächelnd durch seinen kleinen Laden auf eine ältere Frau, die in diesem Moment zu einer Mitarbeiterin sagt: "Das ist gegen Schuppenflechte? Ich nehme erst einmal ein kleines Glas." Bäumlers Mitarbeiterin erklärt, dass es von dieser Kräutermischung auch einen Tee geben würde. "Ach", sagt die Frau, "den trinkt er doch nicht." Eine Szene, die schon viele Facetten von Bäumlers täglichem Kampf enthält. Der 52-Jährige darf nicht sagen: Das heilt. Nur: Das kann lindern. Steht auch groß im Geschäft. Sonst kommt vielleicht wieder eine Abmahnung. Das ist die Sorge.Die manchmal beinahe an leichte Arroganz hinreichende Selbstsicherheit ist die andere Seite. Bäumler empfiehlt seinen Kunden Kräuter wie Wanzenkraut, Rosenöl oder Eichenrindenpulver, diese wenden seine Bäder, Tees oder Tinkturen an und kommen immer wieder, vor allem Frauen. "Heilkräuter waren schon immer Frauensache", sagt Bäumler und läuft durch sein Lager voller Holzfässer. Warum? Später, sagt der Mann mit dem leichten Bauchansatz und der GPS-Athletenuhr am Handgelenk. Ein bisschen wirkt er wie einer dieser unermüdlichen US-Wissenschaftler, die zwischen Marathon, Vortragssaal und Labor hin- und herspringen. Bäumler wechselt vom Verkaufsraum zum Lager, von der Recherche zur Anamnese. Anamnese würde er aber nie sagen. Bäumler ist kein Arzt, aber Ärzte schicken ihre Patienten zu ihm, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Bäumler ist eher Detektiv. Kräuter-Detektiv und Wurzel-Psychologe.

Dirk Bäumler versucht, die Leiden seiner Kunden zu lindern. Indem er ihnen Kräutermischungen, Öle oder Tees verkauft. Seit nunmehr 17 Jahren führen seine Frau und er das Geschäft Kräuter- & Wurzelsepp an der Blumenstraße. Zu Besuch bei einem, der das Wissen aus vielen Jahrhunderten zusammenträgt und sich dafür rechtfertigen muss.

1887. Da wurde das Münchner Kräutergeschäft gegründet und ist heute das älteste deutsche Spezialgeschäft für Heilkräuter. "Damals gab es gerade ein Jahr das erste Auto, aber kaum Medikamente wie heute, sondern vor allem Kräuter", sagt Bäumler. Statt Aspirin hat man Weidenrinden-Extrakt verwendet. Aspirin wird aus Wirkstoffen der Weidenrinde hergestellt. Heute gibt es für alles Medikamente, Heilkräuter werden nur noch selten verwendet. "Wenn alle 82 Millionen bei Darmbeschwerden statt Reni räumt den Magen auf Kamillentee trinken würden, wäre Ägypten leergekauft." Dort kommen die Kräuter zum Teil her, aber auch aus Deutschland.

Bäumler öffnet ein Holzfass, groß wie eine Öltonne. 140 Liter Volumen, gefüllt mit 20 Kilo getrocknetem Thymian. 90 Prozent seiner 500 Kräuter und Mischungen setzt er innerhalb von vier Wochen um. "Wenn Kräuter ein Jahr nicht gehen, nehme ich sie aus dem Programm." Obwohl sie fünf Jahre haltbar wären. Daneben steht Bärlauch, schockgefrostet, oder Hühnerdarm, Katzenpfötchen und Vogelniere, das sind Pflanzennamen.

Die Qualität der Kräuter ist sehr unterschiedlich, das hängt immer vom Kräuterbauern ab. Der Anbau ist mühsam. "Ein Hektar Kräuter anzubauen, dafür braucht man viel Arbeit." 1000 Arbeitsstunden etwa. Unkraut wird dabei immer mechanisch entfernt. "Für einen Hektar Weizen braucht man acht Stunden - im Jahr." Und die Deutschen sind gut in Kräutern. "Majoran zum Beispiel, da ist das größte Anbaugebiet in Aschersleben." Entscheidend bei Bäumlers Ware sind die Inhaltsstoffe, zum Beispiel bei manchen Pflanzen der möglichst hohe Gehalt an ätherischen Ölen, bei anderen die sogenannten Flavonoide.

Kräuter, das ist Geschichte. Schon die heiligen drei Könige brachten der Legende nach neben Gold auch Weihrauch und Myrrhe zum Jesuskind. Frauen, die sich mit ihrer Wirkung beschäftigten, wurden im Mittelalter zum Teil als Hexen verfolgt. "Frauen haben Hirtentäschel schon im Wochenbett von der Hebamme bekommen, mit Salbei abgestillt, mit Kräutern versucht zu verhüten oder die Fruchtbarkeit zu fördern." Ein Gewürz in Gerichten habe fast immer eine Bedeutung. "Der Kümmel am Schweinsbraten zum Beispiel, den hat man zugegeben, weil er die Galle fördert und entblähend wirkt." Dadurch wird das Mahl bekömmlicher. Braune Fenchelsamen im Blumenkohl? "Ist heute wieder in, war früher selbstverständlich."

Bäumler lächelt. Wie ein Mann, der über viele Jahre geforscht hat und jetzt sicher ist, mehr zu wissen als andere. Der das auch zu spüren bekommt bei seinen Kunden. Denen er nicht sagen würde: Frauenmantel ist ein Durchfallmittel, weil er dann eine Heilaussage treffen würde. Darf er eben nicht. Und das nervt ihn. Bäumler kann dann in so einem Moment so lächeln, dass es wie ein Kopfschütteln wirkt. Also stattdessen: Das lindert. Das federt Nebenwirkungen ab.

Er sagt aber auch manchmal: "Heute bekommen Sie keinen Tee mit." Denn das erwarten die Kunden ja, vor allem wenn sie zum Arzt gehen: Man bekommt etwas, das nimmt man ein oder trägt man auf, und es geht einem besser. Bäumler sagt: "Für uns sind die Kunden Partner, mit denen wir uns austauschen, keine Patienten. Wir suchen zusammen nach der besten Lösung." Klingt arg nach Werbebroschüre, wird aber im Geschäft genau so umgesetzt. Zwar gibt es eine Ladentheke, über die Kräuter, Tees und Geld gereicht werden, aber die meiste Zeit vergeht, wenn Mitarbeiter und Kunden ausführlich miteinander sprechen. Auch deshalb ist eigentlich immer eine Schlange von Wartenden im Geschäft, manche kommen in dritter Generation.

Als Dirk und Sabine Bäumler 1990 heirateten - Sabine Bäumler war Diät-Assistentin -, übernahmen sie das Geschäft, allerdings ohne sich mit Kräutern auszukennen. Ein älterer Herr mit einem Kräuter-Karteikasten und Telefon mit Wählscheibe führte den Laden zunächst weiter, während sich die Bäumlers in die Materie einlasen. Bäumler las Rezepturen, verglich sie, las empirische Wirkungen. Viele Dinge fand er auch in Antiquariaten, etwa das Bischofskraut und seine beschriebenen Wirkungen. Heute ist das Hagebuttenpulver "der Verkaufsschlager", die enthaltenen Stoffe lindern zum Beispiel Gelenkschmerzen. Oder früher die Zwiebelbonbons, süß, aus Sud gemacht, "ein uraltes Hustenmittel". Da wird er dann von Mitbewerbern darauf aufmerksam gemacht, dass auf der Verpackung nicht Zwiebelsud steht, sondern Zwiebel. Nun gibt es im Laden keine Zwiebelbonbons mehr.

Seit 1999 führen die Bäumlers den Laden nun selbst. Dirk Bäumler hat vorher in Krankenhäusern als Pflegediensthelfer gearbeitet, Architektur studiert, in einem Architekturbüro gearbeitet, dann beim Film als Außen-Requisiteur. Seine Geschwister sind Ärzte. Der Vater Biochemie-Professor, die Mutter Medizinaldirektorin.

"Eine Anerkennung für uns ist auch, wenn Kräuter oder Mischungen irgendwann im Bioladen angeboten werden." Oder wenn Alfons Schuhbeck vorbeikommt und sich die Kräuterpalette ansieht. Zum Beispiel das Bratkartoffelgewürz, das Bäumler sich mit seinen neun Mitarbeitern ausgedacht hat.

160 Quadratmeter, weniger als ein Viertel davon ist Ladenfläche, im Lager sitzt eine Mitarbeiterin und verpackt Kräuter für den Online-Shop. Auch Safran, das teuerste Gewürz bei Bäumler, das Gramm zu 5,95 Euro. Der Safran kommt aus dem Iran. Neben der Verpackungsstation steht ein Thermomix, mit dem hier viel gearbeitet wird, wenn etwa wieder Gewürzmischungen entstehen.

Bäumler steht vor einem der Regale und blickt auf Dillspitzen, Quitten-Kerne, Sonnenhut-Kraut, Rosenblüten, Kiefernsprossen, Jambul-Rinde, Veilchen-Wurzel und Löwenzahn-Blüten. "Es gibt einfach unendlich viele Kräuter", sagt er. Es klingt erleichtert.